Netzneutralität – Fluch oder Segen?

In den letzten Tagen war das Thema „Netzneutralität“ immer wieder Gegenstand hitziger Diskussionen. Hintergrund ist der Wunsch einiger Organisationen, Daten bevorzugt – also mit Priorität vor anderen Daten – durch das Internet leiten zu können. Die Meinungen zu diesem Thema sind gespalten.

„Alle Daten sind gleich“ – Argumente für die Netzneutralität

Die Befürworter der Netzneutralität fordern die gleichberechtigte Übermittlung aller Daten im Internet. So hätten Startup-Unternehmen mit neuen Ideen, aber wenig finanziellen Mitteln keine zusätzliche Hürde, um ihre Daten auf den heimischen PC oder das Smartphone der Nutzer zu schicken. Andernfalls könnten große, etablierte Unternehmen wie Facebook oder Google die „Überholspur im Internet“ buchen und somit ihren Mitbewerbern das Wasser abgraben. Siehe auch: Politikerbrief des Eco zum Thema Netzneutralität.

„Qualitätsanforderungen muss entsprochen werden“ – Argumente dagegen

Die Gegner der Netzneutralität argumentieren, dass auch jetzt schon Daten unterschiedlichen Qualitätsanforderungen genügen müssen. So benötigt ein Telefonat, das über das Internet geführt werden soll, vor allem eine gleichbleibende Laufzeit der Datenpakete bei möglichst geringen Paketverlusten. Ein Download eines Films hingegen erfordert besonders hohe Bandbreiten, damit der Film möglichst schnell im Wohnzimmer zur Verfügung steht. Je nach Verkehrsaufkommen im Internet könnten also Telefonate nur bedingt zuverlässig und mit guter Sprachqualität geführt werden. Ebenso verhält es sich mit Downloads oder anderen Anwendungen, die Qualitätsmerkmale benötigen. Der Fachbegriff dazu lautet „Quality of Service“ (QoS) –  wir berichteten in einem anderen Artikel darüber.

Technischer Hintergrund

Das Internet ist kein einzelnes Netz sondern besteht aus mehreren Teilnetzen, die von verschiedenen Unternehmen betrieben werden. Innerhalb der Teilnetze bestimmen die Betreiber, nach welchen Regeln Daten übertragen werden. So könnte ein Betreiber in seinem Netz zum Beispiel entscheiden, bestimmte Dienste nicht oder nur eingeschränkt zu übertragen. Aktuelle Beispiele: Betreiber von mobilen Datennetzen lassen teilweise keine VoIP-Gespräche über Ihre Verbindungen zu, weil damit ja das eigene Geschäft mit Telefonminuten geschädigt würde. In China werden Daten, die mit bestimmten Verschlüsselungsverfahren gesendet werden, nicht transportiert. Jüngst hat die Türkei Youtube und Twitter komplett sperren lassen.
Faktisch kann man bereits heute nur eingeschränkt von „Netzneutralität“ sprechen. Auch jetzt schon gibt es die Möglichkeit, Netzverbindungen mit mehreren Carriern aufzubauen und über diese Verbindungen Daten zu senden. Diese Verbindungen kosten in der Regel Geld – und je höher die Bandbreite ist, die man „einkauft“, um so schneller und zuverlässiger werden die eigenen Daten bereitgestellt. Weitere Hintergründe gibt es bei Wikipedia.

Netzneutralität – Auswirkung für Privatkunden

Im privaten Bereich gibt es kaum Möglichkeiten, Einfluss auf die Übertragung von Daten zu nehmen. Der Endkunde ist dem Provider, für den er sich entschieden hat, mehr oder weniger „ausgeliefert“. Wenn am eigenen Standort eine Konkurrenzsituation besteht, kann der Betreiber ausgewählt werden, der die besseren technischen Eigenschaften anbietet. Oft ist das aber nicht möglich, weil nur ein Anbieter an einem Standort verfügbar ist. Die viel beschworene Priorisierung von Bandbreiten über den eigenen Router oder die eigene Firewall hat leider nur Einfluss auf den Datenverkehr, den man im eigenen Hause erzeugt. Ab dem Übergang zum Provider endet der eigene Einfluss auf den Transport der Daten.

Netzneutralität – Auswirkung für Unternehmen

Unternehmen, die über eine Standortvernetzung nachdenken, haben es da schon wesentlich leichter. Hier gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, innerhalb eines Firmennetzes Daten zu priorisieren. Ein Beispiel ist der vermaschte Aufbau einer Standortvernetzung über Standleitungen – so kann über die eigenen Router die Nutzung der Leitungen im Netz vollständig selbst organisiert werden. Ein Unternehmen kann mit einem Anbieter zusammenarbeiten, der eine Vernetzung auf EVPN-Basis anbietet, und kann dann die Standortvernetzung in Zusammenarbeit mit dem Anbieter optimal gestalten. Die Errichtung eines VPN über einfache Internet-Anbindungen hingegen bietet keine Gewähr auf zur Verfügung stehende Qualitäten.

Fazit

Bereits jetzt gilt die Netzneutralität nur eingeschränkt. Aktuell gibt es keine Vereinbarungen zwischen den Carriern, bestimmte Daten bevorzugt miteinander auszutauschen. Innerhalb der Netze der Carrier werden Qualitätsmerkmale jedoch genutzt und auch angeboten. Unsere Meinung: Für „das Internet“ wäre eine Gleichbehandlung des Datenverkehrs absolut wünschenswert. Für Unternehmen hingegen ist oft eine Datenpriorisierung notwendig. Man darf gespannt sein, wie sich das Internet in Zukunft entwickelt, welche Veränderungen es geben wird und welchen Einfluss das auf unsere Gesellschaft hat.

1 Gedanke zu „Netzneutralität – Fluch oder Segen?“

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